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Einar Göhring

aktuelles Monatsblatt

Videoclips aus "The Kirlian Collection"


Mit der Maus gemalt

Formen und Farben aus Kirlian-Experiment und Computer

aus: "kultur + medizin" Nr. 267/1994

von Harry Oberländer

Doch an die Fensterscheiben, wer malte die Blätter da? fragte der romantische Dichter Wilhelm Müller in seinem Zyklus Die Winterreise. Gefrorene Schönheit, den Eisblumen ähnlich, vermitteln auch manche Objekte der Kirlian- oder Koronafotografie, schlichte Blätter heimischer Pflanzen, die einer elektrischen Entladung ausgesetzt waren. Eigentümlich verfremdet hält der Film ihr Abbild im Moment des Elektroschocks fest. Wenn sie danach in kosmischem Blau erscheinen, so muten sie kalt an, erstarrt, wie gefrorene Wasserkristalle. Andere leuchten in warmen herbstlichen Pastelltönen oder erinnern eher an das wunderbare schillernde Farbenspiel, das Korallenriffe in tropischen Gewässern den Tauchern bieten. Strukturen werden sichtbar, fragil, gläsern und zerbrechlich.

Gleichsam von ihrer materiellen Schwere abgelöst, umgeben von weißen Lichtpunkten, von flamrnenden Rändern aus züngelnden Blitzen, wirken die Blattskelette merkwürdig überhöht und entrückt: Lichtgestalten, die Flora eines fremden Planeten, Irrlichter vom Mars, Wetterleuchten von der Venus.

Die Korona, der Strahlen- oder Feuerkranz, der die Objekte umgibt, ist eine Luminszenzerscheinung, von denen in früheren Zeiten schon Seeleute schaurig-schöne Geschichten zu erzählen wußten. Nach ihrem Schutzheiligen nannten die Matrosen das Phänomen Elmsfeuer, ein geheimnisvolles bläuliches Licht, das die Mastspitzen und die Takelage der Segler umspielte. Mit seinem feurigen Tanz lehrte es die Seeleute, die Geister und Kobolde dahinter vermuteten, das Gruseln.

In jeglicher Kajüte flammt´ ich Entsetzen; bald zerteilt´ ich mich und brannt' an vielen Stellen; auf dem Mast, an Stang' und Bugspriet flammt´ ich abgesondert, floß dann in eins läßt Shakespeare im Sturm den Luftgeist Ariel singen.

Ariel oder die Kobolde, dahinter steckten Elektrizitätsüberschüsse in der Atmosphäre. Sie entzündeten sich durch die Reibung der Takelage und hefteten sich an alles Metallische. Ebenso naturwissenschaftlich-nüchtern läßt sich beschreiben, wie die seltsamen Gebilde der Kirlian-Fotografie produziert werden. Dabei handelt es sich um eine kalte Elektronen-Emission, die als physikalischer Vorgang so wenig Rätsel aufgibt wie getrocknetes Kondenswasser auf winterlichen Butzenscheiben.

In den fünfziger Jahren entwickelte das Ingenieur-Ehepaar Semjon und Valentina Kirlian in Rußland ein experimentelles photographisches Verfahren weiter, dessen Grundlagen bereits Ende des vorigen Jahrhunderts geschaffen worden waren. Ein Film wird zwischen einer isolierten Metallplatte und einem Objekt durch eine Hochspannungsentladung belichtet. Der Film hält die Luminiszenzen, die Lichterscheinungen des Objekts, fest, die je nach Hochspannungsfrequenz variieren. Eine Kamera ist für diese Fotografien also nicht erforderlich. Semjon und Valentina Kirlian konnten, wie sie es definierten, nichtelektrische Eigenschaften eines Körpers in elektrische umwandeln und sie dann auf Film festhalten.

Es war Absicht der Erfinder, ihre Fotos für diagnostische Zwecke in der Medizin einzusetzen. Die biologischen Verfassung eines lebenden Organismus, so der Grundgedanke, ist nicht konstant. Abhängig von Rhythmen und Stoffwechselvorgängen ändert sie sich im Verlauf eines Tages, und durch Kirlian-Fotos zu verschiedenen Tageszeiten könnten Veränderungen dokumentiert werden, die diagnostische Rückschlüsse zuließen. Diese Hoffnung scheint eher zweifelhaft zu sein. Es ist nämlich kaum möglich, durch Kirlian-Fotos überhaupt zu wiederholbaren Ergebnissen zu kommen, zu Konstanten, die eine Bewertung dler Variablen erst ermöglichen werden.

Dubios sind hingegen Spekulationen, die Kirlian-Fotografie könne die Aura des menschlichen Körpers sichtbar machen, Lichtbilder der Seele liefern. Mit dem esoterischen Begriff der Aura wird gerne im Zusammenhang unkonventioneller Heilmethoden jenseits der Schulmedizin umgegangen. Dieser metaphysische Astralkörper ist indessen empririsch so ungesichert wie der kosmische Lebenssaft, von dem einst Theophrastus Bombastus von Hohenheim, der berühmte Paracelsus, überzeugt war. Ausgehend von der mitteleltalterlichen alchimistischen Geheimlehrentradition, hat es immer wieder Versuche gegeben, jenseits der empirischen Wissenschaften nach besonderen Kräften und Wirkstoffen zu fahnden, die zu absonderlichen Diagnostik- und wundersamen Heilmethoden führten. In diesen Zusammenhang gehören bestimmte Theorien Mesmers über den animalischen Magnetismus und jene Spekulationen des Barons von Reichenbach über das Od, die universelle Energie.

So bleibt als Resultat der Kirlian-Fotografie nur übrig, was nebenbei anfällt: die Schönheit, die wir mit interesselosem Wohlgefallen betrachten, die ästhetische Faszination der Bilder, über die ein Arzt schon mal zum Künstler werden kann. Einar Göhring zum Beispiel, der jahrelang mit der Kirlianfotografie experimentiert hat, hält nichts von Kirlian-Diagnosen, umsomehr jedoch vom Faszinosum der Bilder, die sich im Zusammenwirken verschiedener technischer Methoden erzeugen lassen. Der Arzt und Computerfachmann ist nach jahrelangen Kirlian-Experimenten inzwischen dazu übergegangen, die Fotos weiter umzugestalten. Er nutzt die vielfältigen Möglichkeiten eines Computerprogramms, um zahllose Varianten der Farbgebung und Umstrukturierung zu erproben. Was traditionelle Maler mit Pinsel und Palette taten, was Avantgardisten, die ihrerseits schon von gestern zu sein scheinen, mit der Spraydose unternahmen, das versucht Göhring mit der Maus seines Computers: Formen und Farben so zu gestalten, daß daraus ein Kunstwerk wird.

Die Ergebnisse sind gewiß beachtlich. Oft nimmt man erstaunt wahr, daß die Verwandlungen, die im Computer mit den Kirlianfotos vor sich gehen, zu künstlerischen Handschriften werden, die uns aus der Kunstgeschichte bekannt sind. Das erinnert an Gauguin, an Nolde oder Klee und ist allemal expressiv und farbenprächtig. Leicht könnte man vergessen, daß die Gegenstände, die dargestellt werden, Ergebnisse eines naturwissenschaftlichen Experiments sind. Es sind, streng genommen, nicht einmal materielle Objekte: Da es sich um die Abbildung einer elektrischen Entladung handelt, ist es vielmehr der unvorstellbar kurze Augenblick eines dynamischen Geschehens. Es sind Lichtbilder im wahrsten Sinn des Wortes.

Um die kunsttheoretische Würdigung dieser neuen Techniken und ihrer Resultate mögen sich Berufenere kümmern. Mir scheint es eine Ironie der Kunstgeschichte zu sein, wenn Walter Benjamin in seinem berühmten Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ausgerechnet mit dem Begriff der Aura operiert, die für ihn allerdings nichts Mystisches war. Er definierte sie als das Hier-und-Jetzt, als die einmalige Präsenz des traditionellen Gemäldes. Sie fehle daher bei beliebig reproduzierbaren Kunstwerken, etwa bei Fotos.

Sollte es etwa doch sein, daß die Aura, die Kunstliebhaber in ihren Bann ziehen soll, wie das Lächeln der Mona Lisa, in der Kirlian-Fotografie wiederkehrt, in ihren Strukturen, ihrer natürlichen Ornamentik, ihren Licht- und Farbenspielen?


Galerie 2016
(C) E. Göhring

(Es handelt sich um eine Collage - Ausschnitte von größeren Bildern - der Monatsbilder 2016)

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Wenn Sie noch ein Beitrag ("von Kirlian zur Kunst") von Werner Fischer in MADAME, ein Artikel in der Münchner Medizinischen Wochenschrift, ein Feuilleton-Beitrag im Deutschen Ärzteblatt oder eine Beschreibung der Kirlian-Fotografie, der Ausgangsbasis für die Lumineszenz-Grafik von Einar Göhring in MEDIZIN + KUNST interessiert - klicken Sie...


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